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Sicherheit

Kaltwetter-Paddeln

Die Paddelei bei kaltem Wetter, d.h. bei Wasser- bzw. Lufttemperaturen von unter +10° C, wird vielfach von Paddlern immer noch durch eine der beiden Erfahrungen geprägt, die sie bei warmen Wetter gesammelt haben. Entweder: Ich bin schon seit Jahren nicht mehr gekentert. Warum soll ich also gerade jetzt kentern. Oder: Wenn ich kentere, mache ich es wie immer, ich rolle hoch bzw. klettere übers Heck in die Sitzluke oder schwimme einfach ans Land. Diese Erfahrungen - wenn überhaupt - mögen für einige Experten gelten. Alle anderen haben schlechte Karten. Warum?

Windchill

Kalte Luft empfindet man bei Wind als kälter. Wer bei Lufttemperaturen von unter +10°C auf dem Wasser ist und vom Wind überrascht wird und ihm ohne entsprechenden Schutz längere Zeit ausgesetzt ist, braucht sich nicht zu wundern, wenn er langsam auskühlt und seine Reaktionen und Beweglichkeit allmählich so weit nachlassen, dass er sein Kajak auf dem Wasser immer weniger beherrscht.

Tabelle 1: Auskühlungseffekt des Windes (Windchill)

Windstärke

tatsächliche Lufttemperatur

 

0°C

+5°C

+10°C

 

empfundene Lufttemperatur

3 Bft.

-9°C

-2°C

+4°C

5 Bft.

-15°C

-8°C

0°C

(Quelle: Urbach 1994)

Spritzwasser

Den Rest macht dann das kalte Wasser, dass einem während des Paddelns immer wieder über die Hände spült, über die Spritzdecke plantscht und einem allmählich die Klamotten durchnässt. Da

verstärkt sich der Auskühlungprozess, der von Luft und Wind in Gang gesetzt wird, zusätzlich. Bis zur Kenterung ist es dann nicht mehr weit. Irgendwann versäumt man nämlich, schnell und richtig auf eine einfallende Windböe , eine plötzliche Strömungs- bzw. Wellenveränderung oder auf ein auftauchendes Hindernis zu reagieren.

Kälteschock und Kältschmerz

Taucht man erst einmal unter, kann es sofort kritisch werden. Das liegt an den Kälteschockreaktionen, vor denen man nie ganz sicher sein kann.

Nach einer Kenterung will plötzlich nichts mehr klappen: Man kann nicht mehr hochrollen, auftauchen, aussteigen, schwimmen, um Hilfe rufen, eigenständig ins Kajak zurückklettern bzw. die Anweisungen der Kameraden befolgen. Der Kälteschock dauert etwa 2 bis 3, maximal 5 Minuten.

Tabelle 2: Mögliche Kälteschockreaktionen (gültig für Wassertemperaturen von unter +13°C)

Reaktionen

Folgen

1. Unkontrolliertes tiefes Luftholen (Gähneffekt)

Man verschluckt Wasser und wird handlungsunfähig.

2. Unkontrolliert schnelles Atmen

(Hyperventilation, Hecheln)

Schwindelgefühl, Verwirrung, Ohnmacht; Verschlucken von Wasser, Handlungsunfähigkeit

3. Atemnot

Panik; Handlungsunfähigkeit

4. Luftknappheit (bei unter +10°C kaltem Wasser)

Man kann plötzlich nur noch knappe 10 Sek. die Luft anhalten; d.h. es bleibt einem nur 1 Rollversuch.

5. Verlust des Gleichgewichtsgefühls (da Wasser in Ohren und Nase eindringt)

Man verliert unter Wasser die Orientierung und taucht tief statt auf.

6. Kälteschmerz (bei unter 5°C kaltem Wasser)

Beim Untertauchen des Kopfs entsteht ein derartiger Schmerz, dass man nur noch aussteigen will.

(Quelle: vgl. Avery 1991)

Handlungsfähigkeit

Ich kenne Kameraden, die gehen jeden Tag im Freien schwimmen, sommers wie winters. Bei denen schlägt die Uhr natürlich anders. Für alle anderen gilt etwa die folgende Formel.

Tab. 3: Nutzzeit (gültig für Wassertemperaturen von unter +15°C)

Nutzzeit (in Minuten) = Wassertemperatur (in Grad Celsius)

(Quelle: Schenk 1995)

Unter der Nutzzeit ist dabei jene Zeit zu verstehen, während der man handlungsfähig ist und selbst noch aktiv die eigene Rettung in die Wege leitet, z.B. um an Land zu schwimmen, oder ein Rettungsseil zu greifen und zu halten, oder zurück ins Kajak zu klettern, die Spritzdecke zu schließen, das Wasser aus der Sitzluke zu pumpen und weiterzupaddeln. Je mehr diese Nutzzeit überschritten wird, desto wahrscheinlicher wird es, dass man nur noch mit Kameradenhilfe überleben kann. Es mag ja sein, dass es einem doch noch gelingt, ins Kajak zurückzuklettern. Aber schafft er es dann auch, mit seinen klammen Händen die Spritzdecke zu schließen, die Sitzluke zu lenzen, während er gleichzeitig versucht, mit dem Paddel so zu stützen, dass die Wellen einen nicht erneut reinschmeißen, und gelingt es ihm schließlich auch - bei dem Seegang, der ihn vorher in noch fittem Zustand zum Kentern brachte - sicher weiterzupaddeln zurück ans Land? Ja, und was passiert, wenn er erneut kentert? Nun, die Nutzzeit beginnt nicht von Neuem, sondern sie ist günstigenfalls stehen geblieben und läuft jetzt weiter!

"Überlebenszeit"

Wer nicht mehr zurück in sein Kajak kommt, kühlt langsam aber sicher aus und wird, wenn nicht noch rechtzeitig Hilfe kommt, an "Unterkühlung" sterben. Wie lange Zeit einem bis dahin verbleibt, hängt von den verschiedensten Faktoren ab, so dass man immer wieder von Einzelfällen hört, die im eisigen Wasser überlebt haben, obwohl dies eigentlich hätte gar nicht möglich sein dürfen. Welche Überlebenszeit "Otto-Normal-Paddler" hat, darüber gibt es die verschiedensten Schätzungen, von denen eine in Tabelle 4 vorgestellt wird.

Tabelle 4: Erwartete Überlebenszeit (für leicht bekleidete, nicht trainierte Personen)

Wassertemperatur

0°C

+5°C

+10°C

+15°C

Überlebenszeit(Std.)

für Personen, die:

schnell

langsam

auskühlen


0:40-1:10

1:10-1:50


1:00-1:50

1:50-3:00


1:45-2:50

2:50-5:40


2:50-4:40

4:40-ü.12

(Quelle: Hayward 1986)

Wie lange die tatsächliche Überlebenszeit ist, hängt von den verschiedensten Faktoren ab. Sie erhöht sich z.B., wenn der Gekenterte

Konsequenzen

Das Auskühlen des Körpers hängt unabhängig davon, ob es weht oder wellt oder ob man auf, unter oder im Wasser sich befindet, von folgenden Größen ab:

Können:

Bei Kaltwetterbedingungen sollte man wirklich nur aufs Wasser gehen, wenn man auch unter kritischen Bedingungen (Wind, Strömung, Wellen, Hindernisse) die hierfür nötigen Paddeltechniken (=> flache und hohe Stütze) und - im Falle einer Kenterung - die nötigen Rettungstechniken (=> die Rolle hat oberste Priorität!) beherrscht.

Fitness:

Wirklich fit ist nur einer, der gesund, nicht hungrig und durstig, nicht erschöpft und ermüdet, konditionell durchtrainiert, aufgewärmt (=> Gymnastik!) und warmgepaddelt und ans kalte Wasser gewöhnt ist (=> täglich kaltes Duschen, "Abschlussrolle") bzw. unterwegs nicht zu frösteln anfängt.

Ausrüstung

Der Kontakt mit dem kalten Wasser ist zu verhindern bzw. zu minimieren. An erster Stelle steht das richtige Kajak (je nach Gewässer kommt ein Wildfluss-, Fluss- oder See-Kajak in Frage). Denn je besser das Kajak auf die Gewässerbedingungen abgestimmt ist, desto geringer ist die Kentergefahr und desto größer ist die Chance, nach einer Kenterung wieder sicher zurück in die Sitzluke zu kommen. Last not least ist an die geeignete Bekleidung zu denken: z.B. Neoprenkopfhaube (möglichst inkl. Ohrenstöpsel und Nasenklammer?), Schwimm-/Rettungsweste, Handschuhe/Paddelpfötchen. und - als wichtigstes Bekleidungsteil - Neopren- oder Trockenanzug (inkl. dicker Unterbekleidung); denn

bei Wassertemperaturen zwischen 0°C bis +15°C hat man mit

Gemeinschaft

Da es nie auszuschließen ist, dass man doch einmal kentert und die ansonsten "bombensichere" Rolle nicht klappt, sollte auf eine "Solo"-Tour bei kaltem Wetter verzichten und nur im Team (ideal: 3-4 Paddlern) gepaddelt werden.

Notfallmaßnahmen

Je nach Situation bieten sich folgende Maßnahmen an:

Auskühlung durch Wind und Spritzwasser:

Hier sind insbesondere die Kameraden gefordert. Sie sollten auch auf ihre Mitpaddler achten, ob sie fit und richtig ausgerüstet sind. Hat einer Probleme, sollte man z.B. mit Verpflegung, Neoprenkappe bzw. Handschuhe aushelfen. Fängt einer an zu frösteln, ist es ratsam, weitere Gefahrenstellen zu vermeiden und einen Abbruch der Tour in Erwägung ziehen.

Kälteschock:

Der Gekenterte sollte sein Kajak festhalten und warten, bis der Schock vorbei ist. Erst dann ist er dazu imstande, selber seine Rettung einzuleiten. Die ihm begleitenden Kameraden sollten nach einer Kenterung sofort auf Position zum Gekenterten paddeln, damit sie dessen Kajak, sofern der Gekenterte keine Anzeichen zum Hochrollen bzw. Auftauchen macht, hochdrehen können. In allen Fällen des Kälteschocks ist darauf zu achten, dass der Kopf des Gekenterten so lange aus dem Wasser gehalten wird, bis der Schock sich gelegt hat (max. 5 Min.).

Nutzzeit:

Nach der Kenterung bzw. nach abklingen des Schocks beginnt die Zeit zu laufen. Der Gekenterte ist möglichst schnell aus dem Wasser zu holen und an Land zu bringen. Die Sicherung des Kajaks (bei Wild- und Zahmwasser) bzw. das Lenzen der Sitzluke (bei Salzwasser) ist zweitrangig. Je länger die Rettung dauert, desto größer werden die Schwierigkeiten, den Gekenterten ans Ufer zu transportieren (bei Wild- und Zahmwasser) bzw. zurück in die Sitzluke zu setzen und zusammen mit ihm - nachdem man ihn eine Neoprenkappe und Handschuhe übergezogen und u.U. mit einem warmen Getränk versorgt hat - Richtung Land zu paddeln. Übrigens, einen durch Kenterung geschwächten Kameraden sollte man nicht allein lassen. weder am Ufer (könnte er doch einen Schwächeanfall erleiden und zurück ins Wasser fallen), noch auf dem Wasser (könnte er doch erneut kentern).

Unterkühlung:

Sie wird i.d.R. durch Kenterung ausgelöst und beginnt nach Ablauf der Nutzzeit. Sofern man nicht ins Kajak zurückkehren bzw. ans wirklich nahe Land schwimmen kann, sollte man sich ruhig verhalten ("Kauerstellung") und möglichst so fest am Kajak halten, das man es nicht verliert; denn nur wenn man am Kajak bleibt, hat man eine Chance gesehen zu werden.

Vier Stadien der Unterkühlung lassen sich unterscheiden: die Abwehrphase (bis +34°C Körperkerntemperatur (erkennbar durch Kältezittern), Erschöpfungsphase (+34° bis +30°C) (Bewusstseinstrübung, die zur Bewusstlosigkeit führt), Lähmungsphase (+30° bis +27°C) (Gliederstarre) und Todesphase (+27°C und darunter) (Herzstillstand).

Solange der Unterkühlte noch zittert, haben die Kameraden eine gute Chance, ihm zu helfen (=> aus dem Wind, rein in den Schlafsack, u.U. zusammen mit einem anderen, versorgen mit warmen Getränk). Ist er jedoch verdächtig ruhig und setzt eine Bewusstseinstrübung an, dann ist ärztliche Hilfe dringend geboten. Zusätzlich zu den oben beschriebenen Maßnahmen sollte man ihm sehr warme Luft einatmen lassen und versuchen, mit feucht-warmen Handtüchern an den Achseln und den Leisten seinen Körper zu erwärmen. Jede unnötige Bewegung ist unterlassen, d.h. seine Kleidung sollte nicht ausgezogen werden, um zu verhindern, dass plötzlich das kalte Blut von den Gliedern in den Körper strömt und die Kerntemperatur in ein noch kritischeres Stadium abfällt (sog. "Afterdrop").

Quellen:

Text: Udo Beier, DKV-Referent für Küstenkanuwandern aus: Kanu-Sport 2/2000

Hier ist eine Checkliste zum Kältepaddeln, ebenfalls von Udo Beier, als PDF Datei zum Herunterladen

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