Tour durchs Cloppenburger Land 2015

Frühschicht auf dem Barßler Tief

„Steffen meint es gut mit uns“, sagte Ulrich mitten auf der Sagter Ems und lacht. Er bezog das nicht auf den neben ihm fahrenden Paddelfreund, sondern auf das Tiefdruckgebiet gleichen Namens, das an diesem Wochenende für schlechtes Wetter im Cloppenburger Land sorgen sollte. Alles halb so wild. Die paar Tropfen, die an den beiden Tagen runter kamen und für lustige Kringel auf der Wasseroberfläche sorgten, waren dann nicht der Rede wert und auch keine echte Bewährungsprobe für Gerhards neue knallgelbe Paddeljacke, an der man ihn schon aus der Ferne erkennen konnte.

Schwergefallen ist es einem - das muss man zugeben - allerdings doch, sich bei einem Wetter, das eher zu einem Saunabesuch einladen würde, aufzuraffen. Vor allem, weil frühes Aufstehen angesagt war – zumindest für die, die aus Bremen angereist waren und nicht schon die Nacht in Barßel verbrachten. Damit wir um 9.30 Uhr auf dem Wasser sein konnten, klingelte der Wecker schon um 5 Uhr. Ein Teil der Tour ist eben tidenabhängig. Bereut hat das aber niemand.

Und das lag an den günstigen Umständen: Das Schmuddelwetter der Vortage hatte nämlich seine Vorzüge: es strömte ganz gut. Und im Gegensatz zu anderen Barßel-Runden mussten wir überhaupt nicht gegen die Strömung anpaddeln. Das waren schon Idealbedingungen. Außerdem hatte uns Marc bei den Schleusenwärtern angekündigt und dafür gesorgt, dass wir geschleust wurden. Das ist sehr charmant, stellen sich doch dem Paddler auf der Strecke am zweiten Tag vier Schleusen in den Weg. Das Umtragen ist nicht nur eine zeitaufwendige, sondern auch ein kräftezehrende Prozedur, auf die man gerne verzichten mag. So müssen wir am Vormittag vor der ersten Hürde nicht lange warten, bis die beiden Schleusenwärter auftauchen, um uns die Tore zu öffnen. Auch das hatte Marc gut getimt und fortan stehen uns die Tore auf dem Elisabethfehnkanal offen. Könnte es noch bequemer gehen? Wir sind gut 90 Minuten schneller als sonst.

Auch Marcs Warnung, in der Schleuse wachsam zu sein und auf Heck und Bug zu achten, erweist sich als sehr berechtigt, weil sich wenige Minuten später das wiederholt, wovor er gerade noch ein paar Minuten zuvor gewarnt hatte: Die Spitze eines Bootes verhakte sich bei auflaufendem Wasser am Schleusenrand. Glück gehabt. Außer ein paar Schrammen am Boot ist nichts passiert. Der Pickup der Schleusenwärter ist allerdings nicht der einzige Wagen, der an uns vorbeizieht. Auf der Straße, die den Kanal säumt, scheint mehr Verkehr unterwegs als sonst. An zahlreichen Stellen fallen Transparente auf: „Rettet den Elisabethfehnkanal“. Der Betrieb des Kanals ist in Gefahr, weil eine Schleuse in einem schlechten baulichen Zustand ist und es für die Sanierung oder den Neubau keine Mittel des Bundes gibt. Das würde für die Yachten, die hier festmachen, große Umwege bedeuten. Inzwischen sieht es aber gut aus, sind Mittel aus dem Denkmalschutz-Topf wahrscheinlich, um die Schleusen instand zu setzen. (www.elisbathfehnkanal.de)

Den Charme der guten alten Zeit spürt man auch bei den vielen Klappbrücken, die an van Goghs Bilder erinnern. Einmal wird auch eine Brücke extra für uns hochgezogen und die Autos müssen warten, um uns passieren zu lassen. Ein anderes Mal heißt es für uns: „Kopf einziehen!“ und ich spüre wie der Knopf meiner Kappe sanft den Beton berührt. Für die Freizeitsportler wurde der Kanal freilich nicht gebaut. Wir gleiten an einem großen leerstehenden, fast repräsentativ wirkenden Gebäude vorbei, das zweifellos bessere Tage gesehen hat: ein Torfkokswerk, das hier von 1905 bis 1989 in Betrieb war. Der Koks war das Rohmaterial für die Herstellung von Aktivkohle. In einem Zeitungsartikel der Nordwest-Zeitung im Netz ist Näheres über das Werk, das man im Ruhrgebiet als Teil der Industriekultur vermarkten würde, und den nahegelegenen Torfabbau zu lesen. Bis zu 20.000 Jahrestonnen wurden hier hergestellt und über den Kanal verschifft. Es gibt auch regelmäßige Führungen.

Das Unangenehmste an dieser zwar nicht spektakulären, aber doch abwechslungsreichen Tour ist immer der Einstieg. Durch rutschigen Matsch, Brennnesseln und Dornen müssen wir uns den Weg bahnen und dann die Boote über die glitschigen Steine ins Wasser bugsieren. Hoffentlich profitiert wenigstens die zweite Truppe, die zwei Wochen nach uns zu dieser Runde aufbricht, von unserem Blutzoll. Wie immer pausieren wir in Strücklingen bei der Paddel & Pedal-Station. Am großen Steg können fast alle Boote im Wasser bleiben. Auf Vorbestellung, so bietet der Betreiber an, könnte er uns künftig auch Kaffee oder eine wärmende Suppe anbieten.

Weiter geht’s mit frischem Elan. Auch bei dem trüben Wetter hat die Landschaft ihren Reiz, vor allem im Barßeler Tief, das ganz urwüchsig wirkt und sich breit macht. Bei dem diffusen Licht gibt es schöne Spiegelungen, mal zieht Dunst übers Wasser, das hat Atmosphäre. Tiere sind dagegen seltener zu sehen. Vorne im Zweier sitzend hat Charlotte einen Logenplatz und greift häufiger zur Kamera. Das Laub schimmert im satten Grün. Noch keine Spur vom Indian Summer. Vielleicht hat die zweite Gruppe hier mehr Glück. Früh erreichen wir unser Ziel, das bestens ausgestattete Haus des Barßeler Rudervereins. Lutz packt den mitgebrachten Kuchen aus, Tee und Kaffee sind rasch bereitet. Bis zum Abendessen ist es noch lange.

Die Texas Queen, die wir auf den letzten Metern zum Verein passieren, hat dieses Mal geschlossen. Aber der Chinese stellte sich als gute Alternative heraus. Vor allem der runde Tisch im Separee erwies sich als kommunikativ. Wann kann man schon mit der gesamten Mannschaft reden? Wer noch Energie hat, spielt eine Runde Carcassonne.

Am nächsten Morgen geht’s zunächst wieder Retour durch das Barßeler Tief. Da fährt man gerne doppelt. Nach der vierten Schleuse haben wir uns einmal gestärkt. Die letzten knapp zehn Kilometer auf dem breiten Küstenkanal sind noch in Erinnerung: trist, öde und anstrengend. Es läuft gut. Kein Gegenwind. Wenn die Schornsteine der Fabrik auf dem linken Ufer zu erkennen sind, weiß man: es ist nicht mehr weit. Aber kurz zuvor erleben wir noch mal ein kleines Naturschauspiel. Ein Schwarm Vögel, wohl Schwalben, saust in einem rasanten Tempo in wilden Wellenbewegungen über den Himmel. Von rechts und links stoßen weitere Tiere dazu, der Schwarm formiert sich neu und ist nach einigen Achterbahnfahrten in wenigen Augenblicken verschwunden.

Das ging viel besser als noch vor zwei Jahren. Lag es am Lernerfolg oder am Schleusen? An beidem wohl. Die Barßel-Runde lohnt sich einfach immer wieder.

Text: Steffen Tost

Teilnehmer: Gerhard, Charlotte, Marc (Fahrtenleitung), Meike, Ulrich, Lutz, Renate und Steffen /p>

Tourstart auf der Sagter Ems
Elisabethfehnkanal
Schleuse im Elisabethfehnkanal
Klappbrücke über den Elisabethfehnkanal

Fots: Charlotte Rieger