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Der Weser-Ollen-Rundkurs (2005)

Auftakt mit Paukenschlag


Eben, beim Einsetzen der Einer-Kajaks und des Zweier-Kajaks auf Höhe des Radarturms auf Harriersand, der Weserinsel, war es noch trocken, wenn auch windig. Nun kämpfen wir uns über die Weser an das linksseitige Ufer. Als wir zur Querung der Schifffahrtsstraße ansetzten, hatten wir gute Sicht und beschlossen hinter dem stromaufwärts fahrenden Frachter die Uferseite zu wechseln. Doch das Wetter gibt sich wetterwendisch. Der Regen peitscht uns ins Gesicht, der Wind stürmt aus Südwest und die Sicht beträgt vielleicht dreißig Meter. Der Wind steht gegen die Tide, so dass es zu heftiger steiler Wellenbildung kommt und mensch sich schon sehr ins Zeug legen muss. Ungemütlich und Respekt einflößend begegnet uns die Weser heute.
Eine geruhsame Vereinsfahrt am Sonntag war geplant. In aller Ruhe und Beschaulichkeit sollte es von Harriersand mit der Tide stromaufwärts bis zum Fähranleger Motzen gehen, dann Umtragen in den „Motzener Kanal“, von dort in die „Ollen“, später in die „Hunte“ und wieder in die Weser flussabwärts mit ablaufendem Wasser. Diese Rundtour wird auch „Stedinger Rundkurs“ genannt, denn das Land nördlich von Bremen rechts und links der Weser ist das Stedinger Land, dessen Namensursprung sich von Gestade – ehemaliges Sumpfland, das von den Friesen urbar gemacht wurde – ableitet.
Wir bleiben dicht beieinander und erreichen sicher die andere Uferseite. Der Regen legt eine Pause ein und wir wagen einen Blick auf die Weite der Unterweser unter unseren Südwestern hervor. Dieser geniale Hut, der Südwester, wird für die kommenden zwei Stunden das entscheidende Bekleidungsstück sein. Wir fahren wie an einer Perlenkette aufgereiht am Tonnenstrich, um die Strömung optimal ausnutzen zu können. Vorbei geht es am U-Boot-Bunker Valentin in Farge, der ein Mahnmal der jüngeren Geschichte ist, denn er wurde von Kriegsgefangenen eines Arbeitslagers während des 2. Weltkrieges errichtet. Gleich nebenan befindet sich das Kraftwerk Farge, das eine Bruttoleistung von 350 Megawatt hat.
Schon 1220 kommt es bei Farge zu einer denkwürdigen Begebenheit. Erzbischof Gerhard der Zweite von Osnabrück erbaut bei Farge das „Witte Slott“, um eine Durchfahrtsgebühr nach Bremen zu erheben. Er lässt die Weser durch Pfähle sperren, und die Durchfahrt mit einer Kette schließen. Daraufhin segeln die Bremer mit einer großen Kogge die Weser herunter und zerreißen die Kette. Wir haben solche Schwierigkeiten nicht. Die störungsfreie Durchfahrt ist bis auf den Regen gewährleistet.
Während der weiteren Fahrt taucht die Hegemann-Werft rechter Hand auf, doch wir bewundern am anderen Ufer die Berggrundstücke mit ihren schönen Häusern.
Das Aussteigen am Fähranleger Motzen verläuft problemlos und im Nu sind „die Räder unter die Kajaks montiert“. Bis zur Einsatzstelle des Motzener Kanals sind es ca. 200 Meter die wir unsere Gefährte über Asphalt rollen müssen. Der Himmel belohnt unsere „Wetterfestigkeit“ mit zaghaft aufblitzenden blauen Fleckchen und bis zum Ende unserer Tour wird es keinen Regen mehr geben, wenn auch die geschlossene Wolkendecke eher angesagt ist.
Schon bald säumen Wiesen die Ufer und wir sind eine willkommene Abwechslung für die einmalig neugierigen Kühe und Rinder. Ich denke mir, dass es doch lustig wäre, einen Wettlauf mit ihnen zu veranstalten und so spreche ich mit ihnen und rufe lockend: „Kommt, kommt!“. Erst setzt sich ein Rind in Bewegung, dann folgt zögerlich ein weiteres Rindvieh, dann ein Drittes und schon verfällt sich die gesamte Herde in einen Eilschritt. Sie laufen parallel zum Kanal und wir müssen uns richtig ins Zeug legen, nicht abgehängt zu werden. Am Ende ihrer Weide bleiben sie stehen und wir verabschieden uns winkend.
Wir gleiten in die „Ollen“, deren Name sich von „ein altes Wasser“ = „Aldena“ ableitet. Die Ufer des Flusses sind mit gelb blühenden Lilien und weißen und rosa Heckenrosen bestanden. So ruhig dahin ziehend auf der geschützten Ollen – es wird fast frühlingshaft warm – wandern meine Gedanken in die Geschichte des Stedinger Landes.
Im 12. Jahrhundert wurden hier überwiegend Friesen angesiedelt, die das bis dahin ertraglose Marsch- und Bruchland in fruchtbares Ackerland verwandeln sollten. Als Anreiz der Besiedlung wurden den Siedlern zahlreiche Zugeständnisse in Hinsicht auf Selbstbestimmung und besonders niedrige Abgaben gemacht. Anfang des 13. Jahrhunderts hatte sich Stedingen zu einer wohlhabenden und weitgehend unabhängigen Bauernrepublik entwickelt. Die Bildung politischer Strukturen rührte teilweise daher, dass sie, um ihre Arbeit im Deichbau und der Entwässerung bewältigen zu können, sich in genossenschaftsähnlichen Strukturen zusammen gefunden hatten.
Als die Bremer Erzbischöfe und Oldenburger Grafen versuchten, ihren Einfluss in Stedingen zu vergrößern, kam es im Jahr 1204 zum Aufstand. Etwa um 1228 exkommunizierte Erzbischof Gerhard der Zweite die Stedinger. Im Jahr 1232 gelang es ihm sogar, den Papst zu überzeugen, die Kreuzpredigt gegen die Stedinger auszurufen. Das bedeutete, der Erzbischof konnte alle Menschen aufrufen, gegen die Stedinger vorzugehen, wofür es als Lohn Beute und den Ablass aller Sünden gab. Ein erstes Heer von Kreuzfahrern zog daraufhin 1233 gegen die Stedinger, das aber von den Stedingern zurück geschlagen wurde. Das Motto der Stedinger bei den kriegerischen Auseinandersetzungen war: „Lewer dod as slav“. Erst am 27. Mai 1234 gelang es dem Erzbischof in einem zweiten, größeren Kreuzzug, die Stedinger in der Schlacht bei Altenesch zu besiegen.
Ich bewege mich gedanklich noch im Mittelalter, als plötzlich Unruhe in der Paddelgruppe entsteht. Es wird gerufen und die ersten beiden Boote weichen an den äußersten Ufersaum aus und quetschen sich am Ufergrün längs. Bald ist der Grund zu erkennen: über der gesamten Breite des Flusses sind Angeln ausgelegt, die befestigt an einem Steg herrenlos „ihrer Aufgabe nachgehen“. So wende auch ich meine Aufmerksamkeit wieder mehr dem Hier und Jetzt zu. In der Ollen sind teilweise auch Reusen ausgelegt, die aber gut von weitem erkennbar sind. Schon taucht Berne, ein Ort mit 7800 Einwohnern, gelegen am alten Handelsweg Oldenburg-Bremen, auf und wir müssen unsere Kajaks ca. 50 Meter weit umtragen, was hier ein Leichtes ist. Berne begeht einmal im Jahr das Ollenfest, an dem eine Wettfahrt in Drachenbooten stattfindet.
Zügig paddeln wir weiter und schon bald wird die Ollen breiter, wir nähern uns der Hunte. Bei Dreisielen fließt der Hunte-Altarm in die Ollen und zwei Kilometer weiter erblicken wir das Lichtenberger Siel und den Deich der Hunte. Die Aussetzstelle ist bequem, was danach folgt weniger: wir müssen unsere Kajaks über die Weiden den Gras bewachsenen Deich hochzerren, zwei Weidegatter überwinden, um auf der anderen Deichseite sachte wieder die Boote runter zu rollen. An der Hunte angekommen stellen wir fest, dass das Einsetzen recht schwierig wird. Entweder heißt es mit dem Kajak abschüssig auf Schlick ans Wasser zu gelangen oder die Steinschüttung mit den Booten zu überwinden. Nachdem uns dieser Kraftakt des Umtragens und der akrobatische Akt des Zu-Wasser-Lassens gelungen ist, paddeln wir die restlichen 7 Kilometer auf der unteren Hunte, passieren das offene Sturmflutsperrwerk und kehren auf die Weser zurück. Nach sieben Stunden und 38,5 Kilometer Flusswandern ziehen wir für heute die Boote endgültig aus dem Wasser.

Charlotte Rieger

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